Dass sich mit geographischen Daten Themen des Gesundheitswesens bearbeiten lassen, erscheint nur auf den ersten Blick ungewöhnlich. Tatsächlich gibt es zahlreiche Berührungspunkte. Im Mittelpunkt stehen zum Beispiel Fragen nach der Ausbreitung von Krankheiten oder Themen der medizinischen Infrastruktur: Das reicht von Untersuchungen über die Standortwahl niedergelassener Ärzte über Analysen der Einzugsgebiete und Patientenströme von Krankenhäusern bis zu Studien, die nach optimalen Standorten von Rettungswagen suchen oder die Logistik sensibler medizinischer Güer wie zum Beispiel Blutkonserven verbessern sollen. In allen diesen Fragen spielen Geoinformationen eine zentrale und im Rahmen von bridge2GEO wie auch darüber hinaus haben sich Akteure aus den Regionen Salzburg und Bonn intensiv mit ihnen befasst.
Geodaten werden zunehmend als Planungsinstrument in der Gesundheitsversorgung genutzt. In einigen Städten existieren auf Basis Geographischer Informationssysteme (GIS) geomedizinische Informationsdienste, die mittels thematischer Karten den räumlichen Bezug zwischen Angebot und Nachfrage von Dienstleistungen im Gesundheitswesen darstellen. Wie von solchen Werkzeugen auch einzelne Krankenhäuser profitieren können, konnte mit maßgeblicher Hilfe des bridge2GEO-Netzwerkes das Bonner Unternehmen Lutum+Tappert zeigen. Ein dort entwickeltes GIS-basiertes Softwarewerkzeug erlaubt es, auf der Basis standardisierter Behandlungsfalldaten, die aufgrund gesetzlicher Vorgaben ohnehin in jedem Krankenhaus entstehen, Patientenzuweisungen räumlich zu analysieren. So werden die individuellen Einzugsbereiche aller medizinischen Fachabteilungen eines Krankenhauses auf einer Karte schnell ersichtlich. Zieht man noch soziodemografischer Daten aus diesen Einzugsgebieten hinzu (im wesentlichen Einwohnerzahlen nach Alter und Geschlecht differenziert), die man zusätzlich mit Hilfe fachmedizinischer Statistikdaten hinsichtlich der zu erwartenden Fallzahlen auswertet, ermöglicht dies eine individuelle Kapazitätsanalyse für jedes Krankenhaus und jede Fachabteilung. Damit können Unterversorgungen im jeweiligen Einzugsgebiet ebenso vermieden werden, wie ein Überangebot medizinischer Krankenhaus-Infrastruktur. Ein durchaus interessantes Angebot für die Betriebswirte in den Kliniken.
Auch in Salzburg wurden und werden Projekte angestoßen, bei denen Geoinformation Planungen der medizinischen Versorgung voran bringen. Vor allem die Forschungsgesellschaft Salzburg Research kann hier auf einige Aktivitäten verweisen. So wurden beispielsweise Möglichkeiten untersucht, Standort- und Transportprobleme zu optimieren. Dies spielt sowohl in der Notfallmedizin eine Rolle, wenn es darum geht Rettungsdienste und Notärzte schnell an jeden denkbaren Punkt eines Versorgungsgebietes zu bringen, wie auch bei Fragen der Versorgung der medizinischen Einrichtungen mit sensiblen Gütern wie zum Beispiel Blutkonserven. In beiden Fällen, können Lösungen nur mit Blick auf das Verkehrsnetz und die topographische Situation gefunden werden. Es gilt zum einen die Standorte von Rettungs-, und Notarztwagen-Stützpunkte und den Zuschnitt der Gebietszuständigkeit gut aufeinander abzustimmen sowie komplexe Routenplanungen zu bewältigen, die über das übliche Maß logistischer Planung hinausgehen. Denn Tourenplanungen im Gesundheitswesen sind nicht nur durch erheblichen Zeitdruck gekennzeichnet – sei es bei Notfallpatienten, Spenderorganen oder Blutkonserven als leicht verderbliche Güter - , sondern unterliegen zusätzlich einem hohen Grad an Unsicherheit und Dynamik durch laufende Veränderung der Aufträge. Am Markt vorhandene Standardprodukte können deshalb die erforderlichen Parameter einschließlich eines intelligenten Lagerbestandsmanagements etwa für Blutpräparate nicht zuverlässig genug modellieren. Salzburg Research hat dagegen mit Hilfe geographischer Daten und neuen Optimierungsalgorithmen Effizienzsteigerungen von zehn bis 20 Prozent für logistische Prozesse im Gesundheitswesen erzielt.
Die Arbeitsgruppe Medizinische Geographie & Public Health des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit an der Universität Bonn ist auf dem Gebiet des so genannten „Health Mapping“ eine führende Adresse. Dahinter verbirgt sich die Kartierung von Krankheitsfällen – vornehmlich von Infektionskrankheiten - um nicht nur den möglichen Seuchenverlauf zu prognostizieren, sondern beispielsweise auch, um einen Krankheitsherd aufzuspüren. Die Bonner haben etwa im Auftrag einer betroffenen Klinik eine Legionelleninfektion mit den Mitteln geographischer Analysen untersucht. Diese Bakterien siedeln sich gerne in Warmwassersystemen, Schwimmbädern und Klimaanlagen an und können, wenn sie in die Lunge gelangen, die berüchtigte Legionärskrankheit auslösen, eine Form der Lungenentzündung, die gerade bei bereits kranken und geschwächten Betroffenen in drei von vier Fällen tödlich endet. Aber auch für gesunde Menschen ist die Krankheit nicht ungefährlich.
Die Verantwortlichen des Krankenhauses wollten wissen, ob der Infektionsherd in den eigenen Warmwasser- und Klimasystemen zu suchen ist, oder ob die Krankheit durch bereits infizierte Patienten in die Klinik gebracht wurde. Zu diesem Zweck hat die Uni Bonn eine umfangreiche Befragung aller Betroffenen gestartet und sämtliche Krankheitsfälle adressgenau kartiert. So konnten signifikante Häufungen der Infektionen in einzelnen Straßen und Ortsteilen erkannt werden. Allerdings darf man keine zu schnellen Schlussfolgerungen aus solchen Ergebnissen ziehen, denn die Ursachen für die Krankheits-Cluster können unterschiedlich sein. Zwar ist es sehr wahrscheinlich, dass bei solchen Ergebnissen die örtlichen Systeme der Warmwasserversorgung eine Rolle spielen, theoretisch bleibt aber denkbar, dass sich die Patienten im Krankenhaus angesteckt haben und aufgrund des Einzugsbereich der Klinik einfach viele Wohnnachbarn dieses Krankenhaus aufsuchen, was automatisch zu einer entsprechenden räumlichen Konzentration der Krankheitsfälle führt. Geographische Datenanalysen der Verbreitung von Krankheiten geben also für sich genommen, nicht unbedingt letzte Antworten, können aber im Einzelfall die Gebiete für weitere Untersuchungen eingrenzen. In dem genannten Beispiel wurde etwa empfohlen, gründliche hygienische Ortsinspektionen und hygienisch-mikrobiologische Analysen in den betroffenen Gebieten vorzunehmen.
Bridge2Geo will durch eine intensive Vernetzung von Geoinformatik-Experten mit Planern und Entscheidern im Gesundheitswesen das vielfältige Potenzial für die Nutzung von Geodaten in diesem Sektor deutlich machen. Das europäische Netzwerk versteht sich als Katalysator für weitere innovative Projekte.